BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kreisverband Haßberge

Hans-Josef Fell im Interview (Haßfurter Tagblatt, 12.12.2009)

Grünen-Energieexperte blickt skeptisch nach Kopenhagen


Der energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Hans-Josef Fell aus Hammelburg, dämpft Erwartungen an den Klimagipfel von Kopenhagen.

Frage: Wie groß ist ihre Hoffnung, dass „Hopenhagen" ein Erfolg wird?

Hans-Josef Fell: Nicht sehr groß. Die Klimaveränderung ist so rasant, unsere Aufgaben sind so riesig, dass wir eine ganz neue Art von Diskussionen brauchen. Dem kann die Klimakonferenz nicht gerecht werden.

Ganz neue Diskussionen?

Fell: Ich wäre froh, wenn es in Kopenhagen überhaupt einen Beschluss gibt. Aber notwendig ist viel mehr. Für die Rettung der Welt müssen wir einerseits die klimaschädlichen Emissionen in wenigen Jahrzehnten vollständig beenden. Bei der Erzeugung von Energie, die 80 Prozent der Treibhausgase verursacht, geht das bis 2030. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universitäten Berkeley und Stanford, die wissenschaftlich hervorragend fundiert ist. Die Klimagase, die nicht aus dem Energiesektor stammen, müssen wir ebenfalls reduzieren. Andererseits müssen wir Strategien entwickeln, wie wir den Kohlenstoff wieder aus der Atmosphäre bekommen. Durch Aufforstung und durch biologische Landwirtschaft.


Klingt gut, ist aber sehr theoretisch.

Fell: Nein, ist es nicht. Die entscheidenden Maßnahmen über den Schutz des Klimas laufen in die Richtung. Es gibt schon große Abkommen zwischen den USA und China zum Ausbau erneuerbarer Energien, zu Effizienzstrategien, zum Ausbau der Null-Emissions-Mobilität. Indien und Südafrika haben Erneuerbare-Energien-Gesetze nach dem Vorbild Deutschlands eingeführt.


Setzen wir nicht ohnehin zu viel Hoffnungen auf Verhandlungen irgendwo auf der Welt, statt die Diskussion über Verhaltensänderungen bei uns in Schwung zu bringen?

Fell: Von entscheidender Bedeutung ist das Bewusstsein, dass Klimaschutz keine Last ist, sondern uns aus dem Dilemma ständig steigender Kosten für konventionelle Energien befreit. Ist das Bewusstsein erst mal da, gehen die Menschen sparsamer mit Energie um und investieren in neue Techniken, die ein Leben ohne Komfortverlust ermöglichen.


Das heißt, wir sitzen auch künftig im Winter ohne Pullover im Wohnzimmer und bleiben so mobil wie bisher?

Fell: Gegenfrage: Was ist eigentlich Komfort? Im Stau stehen? Lärmbelastung und Luftverschmutzung, die uns krank machen? Eine Öl- oder Erdgasrechnung, die schon nach dem vergangenen Winter für viele Menschen unbezahlbar war? Nein. Komfortgewinn bringt ein Verkehrssystem, das auf Reduzierung des Verkehrs setzt. Komfortgewinn ist, wenn wir herauskommen aus dem Dilemma, immer mehr Geld für konventionelle und klimaschädliche Energien hinblättern zu müssen. Das müssen wir organisieren. Da fehlt es am Bewusstsein, und deswegen gibt es noch keine richtige Planung in der Gesellschaft, in den Landkreisen und in den Kommunen.


Woher muss der Anstoß kommen, von unten oder von oben?

Fell: Von jedem Einzelnen und auch von oben. Gerade die öffentliche Hand muss das viel stärker als bisher als ihre Aufgabe betrachten. Die IHK beispielsweise könnte Pläne entwerfen, die zeigen, wie man Unternehmen vollständig auf erneuerbare Energien umstellt. Das brächte natürlich Konflikte, denn die IHK hat eben auch viele Mitglieder, die ihr Geld noch mit dem Verkauf von Erdöl und Atomstrom verdienen. Aber es gibt schon die ersten Ölhändler, die auch Holzpellets verkaufen.


Sind wir nicht überhaupt zu sehr damit beschäftigt, Strategien für die Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln: beim Grundwasserschutz, beim Hochwasserschutz.

Fell: Natürlich muss die Verhinderung des Klimawandels Vorrang haben. Wir müssen aber akzeptieren, dass es Veränderungen gibt und geben wird, die nicht zu verhindern sind. Deswegen sind Anpassungsstrategien wichtig, beispielsweise zur Umgestaltung unserer Wälder mit Bäumen, die höhere Temperaturen aushalten.


Die Regierung von Unterfranken betreibt einerseits Klimafolgenanpassung, andererseits treibt sie den Bau einer neuen Autobahn voran.

Fell: Es gibt immer noch sehr viele Handlungen in Richtung Klimazerstörung. Da werden Subventionen eingesetzt, um neue Kohlekraftwerke zu bauen. Das ist ebenso untragbar wie neue Autobahnen. Wir müssen den Verkehr auf das notwendige Maß reduzieren, indem wir regionale Kreisläufe stärken, indem wir Wohnen und Arbeiten zusammenbringen statt Pendlerverkehr zu fördern. Der Straßenbau ist schon aus einem anderen Grund klimaschädlich. Er zerstört Wälder, die den Kohlenstoff aus der Atmosphäre filtern. Außerdem werden Flächen versiegelt, die nicht mehr für die Produktion von Nahrungsmitteln oder Energiepflanzen zur Verfügung stehen.


Zurück nach Kopenhagen. Wer muss sich dort am meisten bewegen?

Fell: Die Länder, die an der Zerstörung des Klimas verdienen. Erdöl-Exporteure wie Saudi-Arabien und Australien, das gerade den Export von Kohle dramatisch steigert. Sie alle können einen echten Fortschritt blockieren, wenn sie ihre wirtschaftlichen Interessen gefährdet sehen.


Und die Industrieländer . . .

Fell: . . . wollen ihre Emissionen aufrechterhalten und sie durch Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern kompensieren. Das schützt das Klima nicht und hilft auch den Entwicklungs- und Schwellenländern nicht, weil viel Geld, das die Industrieländer zur Verfügung stellen wollen, in dunklen Kanälen versickern dürfte.


Das klingt nicht sehr hoffnungsfroh?

Fell: Ich bin Optimist, dass das Bewusstsein für den Klimaschutz wächst und sich mehr Staaten zum Klimaschutz bekennen. Entscheidend aber ist: Wir müssen in den Industrienationen eine Technikrevolution starten.

Zur Person

Hans-Josef Fell Der Hammelburger, Jahrgang 1952, arbeitete als Gymnasiallehrer, bevor er 1998 in den Bundestag gewählt wurde. Sein Thema, erneuerbare Energien, verfolgt er auch als Obmann im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.